Arbeitskreis Gedächtnis-Erinnern-Vergessen

Seit den 1980er Jahren hat das Nachdenken über Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen Konjunktur.
Die Soziologie hat, auch wenn ein Hauptreferenzpunkt dieses interdisziplinären Gedächtnisdiskurses die Theorie des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs ist, die Thematisierung solcher Fragen – zumindest mit Blick auf eine eigenständige soziologische Gedächtniskonzeption – weitgehend vernachlässigt.

Vor dem Hintergrund der anwachsenden Menge von Publikationen, die sich unter den Begriffen Gedächtnis, Erinnern und Vergessen mit Fragen der Einlagerung (Archivisierung, Kanonisierung) und Perpetuierung sozialen Wissens beschäftigen, erscheint es uns geboten, einen soziologischen Standpunkt zu definieren, um genuin soziologische Beiträge zu diesem Diskurs beisteuern zu können.

Für die Wissenssoziologie ist die Bearbeitung der Begriffstrias von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen insofern ein zentrales Thema, als es stets und ausschließlich um den sozialen Umgang mit Wissen ‚in der Zeit‘ geht. Da es der Wissenssoziologie vornehmlich um die Aufdeckung unhinterfragter Wissensbestände zu tun ist, kann sie sich auch mit den Strukturen der Aufbewahrung ebenso wie der Aktualisierung sowie des Verfalls dieser Wissensbestände befassen. In Teilaspekten wird diese Problematik von bereits vorliegenden Konzepten, wie etwa dem des Wissensvorrats, abgedeckt. Offen ist jedoch, ob Begriffe wie dieser die in der Alltagssprache ebenso wie in anderen Disziplinen etablierte Gedächtnistrias ersetzen und den Transfer soziologischen Wissens in diesem Bereich besser befördern können.

Hinzu kommt, dass die bisher vorliegenden Ansätze, in denen die Problematik kollektiver oder sozialer Gedächtnisse sowie des sozial begründeten Erinnerns thematisch wird, auf Autoren zurückgehen, die heute der Wissenssoziologie zugerechnet werden. Explizit wird das Thema behandelt in den Arbeiten von Maurice Halbwachs ebenso wie in den an Bergson anschließenden protosoziologischen Überlegungen von Alfred Schütz und in der Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann.

Der Körper als soziales Gedächtnis

Dass Gedächtnis, Erinnern und Vergessen eine körperliche Seite haben oder sogar körperliche Vorgänge sind, ist eine Einsicht, die auch von der Soziologie geteilt wird. Gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren im Körper, Spuren, die an Vergangenes erinnern und Verhalten wie Handeln in Gegenwart und im Hinblick auf die Zukunft zu orientieren vermögen. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge nehmen sich der Frage nach dem Körpergedächtnis jenseits der Vorstellung eines Körper-Geist-Dualismus an. Dabei werden sowohl sozialtheoretische Fragen des Zusammenhangs von Körper und Gedächtnis als auch unterschiedliche Facetten des Körpergedächtnisses in konkreten praktischen Zusammenhängen behandelt. Der Band geht auf die Tagung des Arbeitskreises Gedächtnis-Erinnern-Vergessen im Frühjahr 2013 zurück.

Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler, Peter Wehling (Hg.) Der Körper als soziales Gedächtnis. Wiesbaden: Springer VS

Konferenz »(Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse« am 17./18. März 2016 in Erlangen -- Programm

Medialität ist ein konstitutiver Aspekt für Weltzugänge. Das ist in Halbwachs’ Theorie des kollektiven Gedächtnisses ebenso wie in der Assmannschen Konzeption der kulturellen Gedächtnisse oder im systemtheoretischen Theorieentwurf ein Gemeinplatz. Gleichwohl bleiben genauere Bestimmungen des Verhältnisses von Medien zu sozialen Gedächtnissen entweder auf einer sehr allgemeinen Ebene in Bezug auf dieses Verhältnis oder sie sind sehr eng mit einem konkreten empirischen Phänomen verknüpft. Dass Medien zentral für soziale Gedächtnisse sind, ist unbestritten.

Die Sozialität des Erinnerns

Das Problem des Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens ist ein nicht eigens benannter Bestandteil vieler soziologischer Theorien. Erst seit wenigen Jahren beginnen Soziologinnen und Soziologen damit, Fragen der gesellschaftlichen Bewahrung, Routinisierung oder Tradierung des Wissens und damit des Strukturerhalts auch unter Verwendung dieser Begriffe nachzugehen.

CfP: Die DDR im sozialen Gedächtnis – theoretische und empirische Zugänge

CfP zur Tagung des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

am 12. und 13. März 2015 im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Linkliste

Die soziologische Diskussion zu Fragen des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens lässt sich in einem größeren disziplinären und interdisziplinären Diskussionszusammenhang verorten. Hier versammeln wir einige Links zu virtuellen Orten, an denen sich weitere inhaltlich einschlägige Informationen, personale oder organisationale Diskussionsteilnehmer(innen) sowie Netzwerkknotenpunkte finden.

Veröffentlichungen (auch: Buchreihe "Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen - Memory Studies")

Die seit dem Frühjahr 2013 bei Springer/VS erscheinende Buchreihe Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen - Memory Studies soll 'Ort' und 'Forum' für die weitere soziologische Diskussion sein. Vorgesehen ist die Veröffentlichung von thematisch einschlägigen Sammel- und Tagungsbänden, herausragenden Qualifikationsarbeiten und Monografien, von Lehr- und Handbüchern sowie forschungsbezogenen Herausgeberbänden.

Tagungen

Wir wollen die soziologische Diskussion zum Thema "Gedächtnis" initiieren und weiterbringen. Dazu organisieren wir Panels, Workshops und thematisch fokussierte Tagungen.

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